Die Dekabristen
Im Dezember 1825 erlebte Russland einen Aufstand von Teilen des Adels und der Armee gegen die zaristische Selbstherrschaft. Im November 1825 war Zar Alexander I. unerwartet gestorben. Bis zur Krönung des neuen Zaren Nikolaj I. war aufgrund des Thron-Verzichtes seines älteren Bruders zunächst ein Machtvakuum entstanden, das die Aufständischen am Tag der geplanten Krönung Nikolajs I. zu dessen Sturz nutzen wollten.
Die Ideen der Franzosischen Revolution, die viele Russen nach dem Sieg über Napoleon und dem nachfolgenden Feldzug durch Europa in ihrer Umsetzung erlebt hatten, schärften ihren Blick für die Überholtheit der russischen Verhältnisse. Innerhalb der Elite entstanden verschiedene Geheimbunde mit dem Ziel, den Zaren zu stürzen, die Leibeigenschaft aufzuheben und das Land in eine Republik zu wandeln.
Am 14. Dezember 1825 sollten den Worten Taten folgen, und die Anführer und Aktivisten dieses Dezemberaufstandes gingen, benannt nach dem Monatsnamen Dezember, als Dekabristen in die russische Geschichte ein.
Der Aufstand war jedoch dilettantisch vorbereitet und außerdem verraten worden. Als sich am entscheidenden Tag etwa 2000 unter dem Kommando der rebellierenden Offiziere stehende Soldaten auf dem Senatsplatz sammelten, war der neue Zar bereits informiert, und seine Garde stand zur Umzingelung der Aufständischen bereit. Am Nachmittag war der Aufstand niedergeschlagen. Am Abend begannen die Verhaftungen.
Da es sich bei dem Aufstand aber nicht um eine Palastrevolution, sondern um eine Rebellion der Elite mit weitreichenden politischen Forderungen handelte, kannte der neue Zar Nikolaj l. keine Gnade und statuierte ein Exempel seiner Macht. 579 Personen wurden als Angehörige der übelgesinnten Gesellschaft zur Verantwortung gezogen, 131 von ihnen kamen vor das Petersburger Strafgericht. Fünf führende Köpfe der Bewegung - Kondratij Ryleev, Pavel Pestel', Sergej Murav'-ev-Apostol, Michail Bestueev-Rjumin und Petr Kachovskij - wurden im Juli 1826 in der Peter-und-Pauls-Festung hingerichtet. Einige Todesurteile wurden in Zwangsarbeit abgemildert. Insgesamt 121 Mitstreiter wurden zur Zwangsarbeit mit anschließender Zwangsansiedlung nach Sibirien verbannt. Gleichzeitig wurde ein Gesetz beschlossen, das besagte, dass die Frauen der Verbannten als Witwen galten und ohne Scheidung wieder heiraten konnten. Doch elf Ehefrauen, darunter auch zwei Franzosinnen, brachten den Zaren mit dem Verzicht auf diese Gnade erneut in Rage und folgten ihren Männern nach Sibirien. Diese mutigen Frauen avancierten zu den eigentlichen Heldinnen der Geschichte, da sie aus Liebe und Überzeugung den Verlust ihrer Standesrechte und Besitzstande in Kauf nahmen und in einer Verzichtserklärung anerkennen mussten, dass in Sibirien geborene Kinder Leibeigene des Staates waren. Im Juli 1826 begann die Deportation. Die Silberbergwerke von Nercinsk waren die ersten Bestimmungsorte der Dekabristen. Im darauffolgenden Jahr wurden sie in das Gefängnis der damals noch kleinen Festung Tschita verlegt, wo sie erheblichen Einfluss auf die Planung der Stadtentwicklung hatten. Die nächste Station war das 500 Kilometer weiter südöstlich gelegene Petrovskij Zavod. Unzählige Petitionen und gute Führung bewirkten, dass nach vorzeitiger Umwandlung der Katorga in Ssylka viele Dekabristen einen gewissen Einfluss auf die Wahl ihres Verbannungsortes nehmen konnten. Zumeist fiel die Wahl auf Irkutsk, die damalige Hauptstadt Sibiriens, und deren Umgebung, so zum Beispiel auch bei den Familien der Zarenoffiziere Sergej Volkonskij und Sergej Trubeckoj.
Fürst Sergej Trubeckoj (1790-1860) war 1816 als einer der Gründer des ersten Geheimbundes „Union der Rettung“. Er war einer der Vordenker der Rebellion und zugleich als Verfasser des Manifestes der Dekabristen dazu berufen, nach dem Sieg vorübergehend die Leitung der Staatsgeschäfte zu übernehmen. Da er an den Auseinandersetzungen am 14. Dezember persönlich nicht teilnahm, wurde sein Todesurteil in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Seine Frau Ekaterina Trubeckaja (1800-1854) folgte ihrem Mann als erste der Ehefrauen. Nach knapp 20 Jahren in verschiedenen Orten und Bergwerken erhielten sie 1845 die Erlaubnis, nach Irkutsk überzusiedeln.
Fürst Sergej Volkonskij (1788-1865) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Er wurde zunächst ebenfalls zum Tode verurteilt und dann zu 20 Jahren Zwangsarbeit begnadigt. Seine Frau Maria Volkonskaja (1805-1863) folgte ihrem Mann gegen den Willen ihrer Familie in die Verbannung.
Beiden Familien als Verbannten eine Teilnahme am öffentlichen Leben in der Stadt verboten war, holten sie das öffentliche Leben zu sich nach Hause. Mit Empfangen, Lesungen, Musikabenden und Theateraufführungen wurden die Hauser zu geschatzten Zentren der Irkutsker Gesellschaft. Nach 30 Jahren kam 1856 durch den neuen Zaren Alexander II., der 1861 auch die Leibeigenschaft in Russland abschaffte, die Begnadigung. Von den 19 Dekabristen, die noch am Leben waren, kehrten 16 in den europäischen Teil Russlands zurück und ließen sich in verschiedenen Provinzen nieder, denn ein Wohnsitz in St. Petersburg oder Moskau blieb ihnen auch weiterhin verwehrt. Die Dekabristen wurden in Russland zum Inbegriff für den Geist der Freiheit gegen den zaristischen Absolutismus. In Sibirien dankt man ihnen den großen Schub, den sie dem geistig-kulturellen Leben Sibiriens brachten; man begegnet ihren Spuren an vielen Orten. In Irkutsk bilden die beiden ehemaligen Hauser der Familien Trubeckoj und Volkonskij heute das größte Dekabristenmuseum Russlands.






